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Das Fest eines neuen Tagebuches
12.09.2016, 12:02 Uhr
Seit 1992 schreibe ich Tagebuch. Seit 1994 lückenlos, jeden Morgen. Es ist mir eine Disziplin geworden, die ich gern ausführe, obwohl sie mir von außen niemand auferlegt - wahrscheinlich gerade deshalb. Wie ein Marathonläufer in Form bleibt, indem er auch zwischen den Wettkämpfen joggt, so trainiere ich mich - zwischen den in den Druck, in die Öffentlichkeit gelangten Büchern -, reinige mein System, docke mich an an eine größere Kraft, lausche auf die nächsten Arbeitsschritte. Das alles und noch viel mehr sind mir meine Tagebücher; zuerst kleine, schmale, dann etwas länglichere, immer noch schlanke - und seit 2004 nun die dicken, schweren, mit ihren vierhundert Seiten; die reichen immer für ungefähr zwei Jahreszeiten.
Ich danke dem Herzens- und Seelengefährten dafür, dass er das toleriert: An jedem Wochenende, jedem Urlaubstag; zu Weihnachten, Geburtstagen, auf langen Reisen: Immer muss ich zuerst meine Seiten schreiben, dann bin ich für die Welt ansprechbar. Dass einer das wie selbstverständlich mit lebt, ist nicht selbstverständlich.
Und so werde ich wieder ein Räucherkerzchen anzünden, kurz innehalten und mich freuen. Willkommen, Nummer 45. Nummer 44 war von einem olivenen Grün, jenes wird hell sein mit aufgedruckten roten Korallen.
Mein allernächstes geliebtes Arbeitswerkzeug, mein Tagebuch.
PS: Ein Tagebuch ist vollendet. Wieder ein Stück gestorben, um im nächsten neu geboren zu werden.
Handwerker
26.08.2016, 12:21 Uhr
Oft sind es die Dinge, die ich eigentlich überhaupt nicht "haben will", aus denen ich dann am meisten lerne -, die sogar die schönsten Spuren hinterlassen, Eindrücke. So waren in dieser Woche Handwerker bei mir zu Gast, in allen Zimmern, auch im Allerheilgsten, meiner so sehr geliebten Schreibwerkstatt. Wie mich das mitnahm, in den Tagen zuvor!
Für mich schien es, als verletze jemand in unbedachter Willkür meine Intimsphäre. Ich wollte es nicht.
Und dann - wie inspirierend! Einträchtig arbeiteten wir miteinander für ein paar Tage. Die beiden Maler lackierten, schliffen, flexten jeweils an ihrem Projekt; ich ackerte an meinem, immer in dem Zimmer, wo sie gerade nichts zu tun hatten, meine Kollegen auf Zeit. Von Hand schreibe ich gerade einen ersten Entwurf für einen neuen Roman in ein dickes rotes Buch. Alle drei sind wir also Hand-Werker im wahrsten Sinne des Wortes, keine unserer Tätigkeiten ist mehr "wert" als die andere - und auch nicht weniger.
Ich erinnerte mich an eine ähnliche Situation in Kali Limenes auf Kreta, die ich in meinem zweiten Kreta-Tagebuch "Stepping Stones - You need a stick to cross the river" auf Seite 71 beschrieben habe. "Wie menschlich. Essen vorbereiten, Arbeitsgeräte in Schuss bringen, papierne Seiten mit Tintenworten füllen ..., jeder tut, was er tut, alles ist gleich wichtig." Genau.
In meinem Heimatland wurde sehr darauf geachtet, dass alle, die eine akademische Laufbahn einschlagen, zuerst Praktika in Produktionsbetrieben absolvieren mussten. Ich Intellektuelle, Journalistin, Schreiberin, Literatin stand in drei Schichten im Glühlampenwerk, beim VEB NARVA Berlin am Fließband.
Arroganz ist nicht angesagt. Danke für die Erinnerung daran, lieber Malermeister und Kollege.
unzeitgemäße Anfrage
31.07.2016, 10:48 Uhr
Ich habe eine Freundin, die mich immer wieder das Eine fragt, wenn wir uns sehen, wenn wir miteinander telefonieren:
"Und, Katrin, was ist mit deinen Ellbogen? Hast du sie immer noch nicht gegen einen anderen Menschen eingesetzt?"
Lange verstand ich nicht, wieso sie das wissen will, warum sie mir das so betont. Es passt nicht in die Zeit, in der ich lebe, oder etwa doch?
Ich verstehe es jetzt. Gestern kam ich in eine Situation, da war in mir auf einmal dieser Gedanke. Ich will den Kapitalismus zur Strecke bringen, dachte ich - und war erschrocken. Nur ein Gedanke, keine Tat. Aber ich halte es manchmal wirklich kaum noch aus, dieses ungebremste Profitmachenwollen; dieses Schneller-Höher-Weiter, wo doch eigentlich jeder wissen müßte, dass uns das nicht menschlicher gemacht hat. Dass es nicht gesund ist. Dass es zu nichts Gutem führt.
Sanft reibe ich meine Ellbogen und seufze. Nein, meine Freundin. Ich habe sie bis heute gegen keinen anderen Menschen eingesetzt und habe auch niemandem ein nicht wieder gut zu machendes Leid zugefügt, nicht einmal dem Kapitalismus. Guck mal, wo mich das hin gebracht hat. Zu mir jedenfalls, zu mir selber. Und zu lauter schönen Sachen im Leben, die ich mir für alles Geld der Welt niemals hätte kaufen können.