Früher sagte ich: "Da habe ich eine Sendung drüber gemacht." Heute sage ich: "Da habe ich ein Leben drüber gemacht!"

Neuigkeiten


wozu denn ein Buch noch schreiben ...

06.05.2018, 12:13 Uhr

"Wieviel Bücher hat die Menschheit, und wie kurz ist so ein Leben, nur ein Bruchteil davon liest man dann. / Warum denn ein Buch noch schreiben, viele ungelesen bleiben, nicht zu reden davon, ob man´s kann ..."

Seit der Sänger Holger Biege dieser Tage gestorben ist, höre ich immer wieder seine Lieder, die mir seit meiner Jugend so vertraut sind, und auf die ich dank youtube jederzeit Zugriff habe, wenn ich will. "Sagte mal ein Dichter"; aus diesem Song stammen die oben zitierten Zeilen, die mir durch mein System gehen, jeden Tag nun. Es ist so wahr; und dies ist auch die Frage, die ich mir immer wieder stelle, oder soll ich sagen: Die sich mir stellt, ganz von selbst! Wie sollte es denn auch anders sein, wenn dies meine Berufung ist, und ich auch nicht weiß, wieso, wozu. 

Wozu denn ein Buch noch schreiben; den bereits vorhandenen, lieferbaren zwanzig ein weiteres hinzufügen? Es ist nicht gesagt, dass ich dann werde davon leben können, dass mich dann Leute zu erwachsen honorierten Lesungen bitten, dass Menschen die Buchläden stürmen, nur für dieses eine - von mir verfasste - Werk; aus einem seelischen Hunger heraus - nicht, weil "man es gelesen haben muss". 

Und den Literaturnobelpreis wird es dieses Jahr auch nicht geben! Ich versuche, das Positive daran zu sehen. Kann es sein, dass allmählich wirklich durchsickert, dass Kunst kein Wetterennen ist, kein weiteres Feld für kapitalistisches Konkurrenzgebaren? Bröckelt da was? Etwas, das auch ich begrüßen würde, gar? ...

Wie soll ich denn das wissen. Ja - "wie kurz ist so ein Leben"! Ich stimme Holger Biege zu. Und kann das Schreiben einfach nicht lassen, sogar, wenn es nur einem einzigen Menschen nützte, mein tägliches Schreiben, nämlich - mit Verlaub - mir. Es ist inzwischen mit Worten nicht mehr zu erklären, was dieses Tun für meine eigene Gesundheit schon gegeben hat. Letzte Woche stellte ich mein Tagebuch Nummer 47 in´s Regal, am nächsten Morgen fing ich Nummer 48 an. Und meine Tagebücher sind Vierhundert-Seiten-Wälzer, zusätzlich zu den Büchern, die ich veröffentliche; ich brauche sie und führe sie aus innerer Notwendigkeit immer weiter fort; aus eigenem Antrieb. An mir soll es also nicht gelegen haben, falls das, was ich zu sagen hatte, dereinst vielleicht von irgend wem gebraucht werden wird. 

So ist das. Ich jammere nicht. Ich sage jeden Tag Danke für das, was ich leben darf, und was ich als ein glückliches Dasein bezeichne. Wäre schön, wenn ich noch zu meinen Lebzeiten erfahren dürfte, dass wieder jemand aufmerksam wird; auf mein Werk, darauf, dass auch solche wie ich irgendwie bezahlt werden müssen; denn wir gehören ja auch dazu, zu dieser Gesellschaft, sind weiß Gott keine Außenseiter. Müssen wohnen, uns kleiden, teilnehmen. Wollen etwas beitragen und nicht aussteigen, nirgendwohin flüchten. Also! 

Ich bin schon weiter voran gekommen auf meinem Weg, als ich es je zu hoffen gewagt hätte. So wuchsen die Zuversicht, das Vertrauen. Und durch die, die vor mir Künstlerisches schufen, zum Beispiel dieser wundervolle Sänger Holger Biege. "Ja, so einfach sprach er aus das Wort, und nun lebt es in den Menschen fort / aber wie nur, wie nur, wie nur macht man es wahr ..."

Genau. Na - sag ich doch!

 

 

kleiner Mutmacher zwischendurch

16.04.2018, 10:02 Uhr

"Will das Glück nach seinem Sinn dir was Gutes schenken,

sage Dank und nimm es hin, ohne viel Bedenken.

Jede Gabe sei begrüßt, doch vor allen Dingen:

das, worum du dich bemühst, möge dir gelingen."

(Wilhelm Busch)

... steht als Mut"spritze" für verzagtere Momente auf einer Karte auf meinem Sekretär, der mein Altar ist, an dem ich jeden Morgen Platz nehme und mich zum Dienst "melde", zum Dienst an der Literatur und überhaupt. Ja. So ist das. 

 

 

Schöner scheitern

08.04.2018, 09:51 Uhr

"Und wieder Angst in tief´rer Schicht, dass sie noch da sei, glaubt ich nicht.

Ein Zeitchen feinster Illusion, und dann der Abgrund, wie zum Hohn.

Doch alles Trübsal und Geleide, es hat auch eine gute Seite.

Ich nehme Boten, Zeichen wahr, und sehe viele Dinge klar.

Am Markt einen indischen Weisen, der mich erkennt. Mit seiner leisen

und unendlichen Stimme tröst´, dass sich mein fester Wirbel löst. 

Zaubrisch getragen geh ich weiter, nicht düster mehr und noch nicht heiter.

Eine Ahnung, wie ich so lauf: Ich stehe immer wieder auf."

*** 

Dieses Gedicht habe ich im März 2002 geschrieben, also vor sechzehn Jahren - und es in meiner "Stadtstreicherin 1, Neue Spazierbilder" im Frühjahr 2008 veröffentlicht. Heute würde ich nicht mehr "Abgrund" schreiben; ich stürze, wenn die alten Gespenster über mich herfallen, nicht mehr so tief ab. Ich würde auch nicht mehr "Angst" sagen, über das, was sich da "in tiefrer Schicht" regt; es ist etwas sehr viel Milderes und Erträglicheres; Angst ein zu starkes Wort dafür. Aber die Grundaussage des "Schöneren Scheiterns", sie stimmt noch immer. Von Zeit zu Zeit stellen sich - wie Wellen; wie Geburtswehen für eine nächste, eigentlich ursprünglichere Version meiner selbst - die längst vergangen geglaubten Empfindungen wieder ein. Die alten Gesellen besuchen mich und wollen liebevoll umärmelt werden. Das versetzt mich längst nicht mehr in solche Panik. Ich kenne sie ja schon. Hallo, ihr. Herzlich willkommen. In meine Arme, ihr!

Der direkte Vergleich zeigt mir aber auch, wie langsam das alles geht. So viele Jahre! Was ist eigentlich Zeit.

Aber es lohnt sich. Die Wallungen - nicht mehr so dramatisch. Die Belohnungen ("ich nehme Boten, Zeichen wahr und sehe viele (neue) Dinge klar") stellen sich unmittelbarer ein; ich surfe praktisch auf diesem Prozeß und lasse mich auf seinen schwingenden Wogen voran tragen. Ich weiß, wen ich fragen kann und wo ich rasche Hilfe finde. Das war früher eher nicht so. Ich mußte erst suchen ...

Die Person, die ich am meisten fürchte, ist mein wahres Selbst, so, wie Gott mich wollte. Das ist wahr, wahr, wahr. So kann man doch nicht sein. Das darf so nicht. So wird man im Leben nicht bestehen. Ja, aber wie denn sonst! Das Leben ist kein Feind. Die anderen Menschen auch nicht, keiner von ihnen. Ich habe überhaupt keine Feinde mehr - falls ich in meinem eigenen Inneren keine mehr hege. Das lasst euch mal alle gesagt sein. Und ich mir selbst, aber Hallo.

Eure Katrin am strahlenden Sonntag. Sommer im April. Fortsetzung folgt.