Die Leute sagen, sie wollen Liebe. Aber die Liebe ist stark und mächtig. So sehr wollen die meisten es dann doch nicht, dieses Sterben im anderen, dieses von Grund auf Verwandeltwerden, diesen tiefen Hall aus dem All.

Neuigkeiten


zurück von meiner Insel

20.06.2017, 10:37 Uhr

"Ach, die Menschen!" So warmherzig, so liebevoll, so zugewandt. Sie lächeln, sind freundlich; sie mögen alle Kinder, egal welcher Hautfarbe; obwohl sie weit weniger Wohlstand leben als zum Beispiel wir im Westen. So reden viele nach einem Urlaub in einem südlichen Sonnenland. So rede auch ich. Ach, diese Menschen! Und würde gern etwas davon hinüber retten in meine große Stadt, in der schon die erste Fahrt mit Bus und Bahn wie ein Schock auf mich wirkte. Ihr wisst, was ich meine, wenn ihr euch schon einmal mit vier Koffern, Rucksäcken und Handtasche von Tegel nach Treptow habt durchschlagen müssen, bei Pendelverkehr an einem heißen Tag nach zwei verschiedenen Flügen. Uff! Und da ist der eher rauhe Berliner Charme noch nicht einmal das Schlimmste.

Ich lebe gern da, wo ich lebe, und wo ich jeden Morgen in meiner geliebten Schreibwerkstatt aufwache, mit dem ersten Kaffee gleich an den Sekretär, auf dessen heller, tintenbekleckerter Holzplatte mein Tagebuch schon auf mich wartet. Bis vor ein paar Tagen lag es noch auf einem hellblau angestrichenen Terrassentisch unter Palmen mit Blick aufs Meer. Ach! Zum vierten Mal auf Kreta, habe ich wieder getreulich alles mitgeschrieben. Ich glaube aber eigentlich nicht, dass es noch ein weiteres öffentliches griechisches Reisebuch von mir geben wird. Man soll ein wenig der Privatheit auch für sich behalten. Und in den käuflichen Werken, die schon da sind, aus den Jahren 2014, 2015, 2016, scheint mir das Wesentliche gesagt. Aller guten Dinge sind drei. Und ich würde gern etwas Neues wagen, das Genre wechseln, vielleicht sogar den Ausdruck. Wie bereits erwähnt. Ich weiß es noch nicht. Als Künstlerin muss ich geduldig warten, bis sich der nächste Schritt von selber zeigt. Die Inspiration erscheint nur, wenn ich zum offenen Kanal werde. Sie ist eine kapriziöse Dame, die sich nicht erzwingen läßt.

Ihr habt vielleicht euren Urlaub noch vor euch, ich nun meinen Berliner Künstlersommer. Ich finde es jedenfalls schön, wie sich die Menschen überall durchmischen; es ist ohnehin nicht mehr aufzuhalten, schon lange nicht mehr, soweit ich es beobachte. Möge jeder für sich daraus machen, was er eben kann. Und für ganz schwierige Zeiten habe ich einen Satz gesehen, den ich mir nun - wie das Olivenöl - mit nach Hause nahm: "Don´t quit before the miracle happens." Gib nicht auf, bevor das Wunder geschieht.

Na, dann! Eure Katrin aus der Schreibwerkstatt. 

 

 

Die Welt ist schön

05.06.2017, 10:46 Uhr

Liebe Leser, es ist unglaublich für mich, dass jenseits der Nachrichten immer noch ein Leben pulsiert, das mich lehrt: Es kommt auf Schlagworte nicht an. Es ist die eigene, selbst gemachte Erfahrung, die zählt. Was mich angeht, so habe ich das große Glück, Freunde um mich zu wissen, die immer wieder genau davon erzählen; die ihre Erfahrung, Kraft und Hoffnung mit mir teilen, von sich selbst sprechen und nicht aus zweiter Hand. So kann ich erkennen, dass alles viel differenzierter ist, individueller und - letzten Endes - schöner, lohnender, als ich es früher zu hoffen gewagt hätte. 

Der indische Schriftsteller und Dichter Rabindranath Tagore, so lese ich, hat in seinen späteren Lebensjahren angefangen zu malen, weil ihm schien, dass Worte nicht mehr ausreichen. Oh ja, dieses Gefühl kenne ich gut! Wie oft schon stand ich beim Schreiben an einem Punkt, wo ich dachte, lieber Himmel, diese Sprache, diese Zeilen sind so dürr. Das Intellektuelle ist mir längst zu eng geworden wie ein früheres Kinderkleid. 

Malen kann ich nicht. Noch nicht? Keine Ahnung. Mir liegen Textilien, Stoffe - und das liegt wenigstens ein bißchen nahe am Roman"stoff", wenn man so will. Ich mache mich selbst zur Kunstform, indem ich meine gesammelten Stücke trage wie eine körperliche Installation. Was Worte nicht sagen können, drücke ich so aus - oder versuche es zumindest. Lebensfreude. Sich nicht unterkriegen lassen vom Düsteren, das so verbreitet wird. Das hatte ich schon. Das hat zu nichts Gutem geführt. Meine eigene, selbst gemachte Erfahrung.

In diesem Sinne wünsche ich euch allen einen frohen Pfingstmontag und überhaupt einen glücklichen Start in diesen Sommer. Mich erreichen freudvolle und traurige Nachrichten. Und dennoch leben. Feiern, was heute da ist. Auch für mich ist das ein ständiges Üben. Und sollte ich eines Tages doch noch anfangen zu malen, werdet ihr es als erste erfahren, hier auf meiner Seite. Versprochen. Eure Katrin aus ihrer Werkstatt. 

 

 

Schriftstelleralltag

09.05.2017, 15:42 Uhr

Es geschieht eigentlich gar nichts Besonderes, und doch bin ich jeden Tag zuverlässig bei meiner Arbeit. Ich stehe morgens auf, schreibe Tagebuch; mein Pensum, das mir eben so aus dem Tintenfüller fließt. Dann tue ich Naheliegendes im Haushalt, bevor ich aufbreche und meine Stadt durchstreife, immer auf der unbestimmten Suche nach der nächsten Inspiration. "Man muss sich ein bestimmtes Quantum Zeit gönnen, wo man nichts tut, damit einem etwas einfällt", rät mir heute der Kollege Mortimer J. Adler vom Blatt meines Zitatenkalenders im Badezimmer. Meine Mutter hat ihn mir vor Jahren geschenkt, diesen täglichen Begleiter; und seitdem lese ich ihn immer wieder neu, blättere getreulich Seite für Seite um und lasse in mich ein, was berühmtere Menschen so für wesentlich befunden haben. Vielleicht, dass es mir nützt. Bewusst oder unterbewusst, man weiß ja nie.

Heute flanierte ich im Berliner Friedrichshain, wo Bücher antiquarisch und preiswert zu bekommen sind - ebenso Stoffe und textile Kreationen. Peinlichst führt der mir innewohnende Finanzbeamte Buch über meine Ausgaben. Jede Fahrkarte, jedes Essen wird notiert und abgeheftet. Manchmal dient mir dieser Bursche, ein andermal behindert er mich auch. Ich frage mich, wie lange ich eigentlich noch mit ihm zusammen leben muss; ob ich ihn eines Tages überwinde, hinter mir lassen kann. Aus dem Yoga weiß ich, dass wir alle unter einem bestimmten Stern geboren werden, mit einer uns innewohnenden Voraussetzung. Wenn alles gut geht, dürfen wir vielleicht darüber hinaus gehen, uns entwickeln, aus dem Alten fröhlich heraus wachsen. Ja, das wäre schön. 

Ich liebe das große vierstöckige Humana-Kaufhaus am Frankfurter Tor. Es verschafft mir eine Erinnerung: Zu DDR-Zeiten war es ein Kinderkaufhaus; und ich steige die gewundenen flachen Treppen hinauf, als fände ich dort oben meine Heimat wieder. Wie vertraut mir diese Bauweise ist, die gesamte Atmosphäre. Heutzutage fühle ich mich in diesen Räumen wie auf einer Party. Lachende junge Leute - österreichische Mundart, englische Sprachfetzen - feiern in den Umkleidekabinen Klamottenfeste. Mütter stillen ihre Kinder auf Höckerchen und roten Plüschsofas. Es ist was los auf all diesen Etagen. Ein Dorfplatz. Die Leute brauchen einen Dorfplatz; das schrieb ich schon in mein erstes "Stadtstreicherinnen"-Buch 2008 - und finde es immer wieder frisch bestätigt.

In der Vintage-Abteilung fliegt mir ein indischer Baumwollrock zu. Hier stehe ich und kann nicht anders. Der junge Mann an der Kasse mit seinem Rasta-Zopf lächelt mich an. Ob ich den Kassenbeleg haben wolle. Ich greife zu, kommentiere: "Ja, ich zähle meine Sünden!" Lache zurück. "Das sollte man nicht tun", sagt der Schöne freundlich. Ich zögere, dann nicke ich. "Sie haben recht", sage ich, während ich ihm den Bon zurück reiche. "Ich kann einen Rat annehmen." Der Banker in meiner Haut weicht ein Stückchen zurück, macht dem Lebenskünstler Platz. Die zwei vertragen sich eigentlich ganz gut. Möge der neue herrliche Rock uns alle in Frieden zusammenhalten.