Stark macht, wenn man zu sich steht, wie man ist - und nicht, wie einen die anderen Leute "haben" wollen.

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Sturm

09.10.2017, 14:12 Uhr

Das Gute ist: Die Leute reden miteinander. Ganz spontan und freundlich. Herzlich, möchte ich meinen. Kaum gehe ich meine Runde, schon bleibe ich alle Nase lang stehen. Werde angesprochen.  "Unser Treptow und Baumschulenweg hat es am schlimmsten getroffen!" "Zweihundert Bäume umgestürzt, im Plänterwald, im Treptower Park." "Da sieht es aus wie im Mikado-Spiel. Lauter schräg stehende Stämme. Und alles abgesperrt. Das dauert Wochen, bis das alles frei geräumt, zersägt, gesichert ist!" Alle scheinen Patrouille zu laufen. Nachsehen, was noch steht von unserer vertrauten Welt. Was diese Naturgewalt namens Xavier unversehrt gelassen hat.

Am Tag danach schlenderte ein Mann im blauen Overall durch meinen Kiez. "Na, Sie haben ja jetzt jede Menge Arbeit", riefen ihm die Passanten zu. Offenbar kannten sie ihn, vom Grünflächen- oder Forstamt. Er nickte, hatte keine Eile. Was nun vor ihm liegt, braucht seine Zeit, das wußte er, wissen wir alle. Ich sah an jenem Donnerstag Bilder, wie ich sie in Berlin noch nie zuvor gesehen hatte. Am spektakulärsten fand ich eines direkt hinter dem Mauerdenkmal in der Kiefholzstraße: Da ragt ein ganzer kleiner Kontinent steil in die Luft, auf dem sieben Silberpappeln angewurzelt sind - oder sollte ich sagen, angewurzelt waren? Als hätte jemand die Perspektive verschoben; die Ansicht um neunzig Grad gedreht, so sieht das aus. Die Erde neben einem Bächlein - einfach hoch geklappt; und mit ihr sieben dicke Stämme auf einen Schlag gefällt. Offenen Mundes stand ich da. "Welche Kraft doch die Natur hat!", rief mir eine junge Frau von ihrem Fahrrad aus zu; es klang beinahe begeistert ob dieser Leistung. Ja, die Natur. Sie scheint sich etwas zurückzuholen. Oder nicht? Oder doch?

Ich weiß es nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es irgend jemand weiß. Ist dies nun der Preis, den wir zu zahlen haben? Sie wissen schon, kennen die Schlagworte, die ich wie Sie im Hinterkopf haben dazu. Für mich nützt das Philosophieren, das Agitieren wenig. Ich lebe schon lange eher piano, piano - und zahle meinen persönlichen Preis dafür, natürlich. Wie könnte es auch anders sein; sind wir nicht alle mehr oder weniger auf der Suche nach der goldenen Mitte zwischen den Extremen? Ich jedenfalls - ja. Und stolpere so voran.

Aber heute ist es doch schön. Die Sonne scheint, als wäre nichts gewesen. Ich war draußen und trug meine Jacke offen im Goldenen Herbst. Nachbarn sprachen mich an; sie fragten, wie es mir denn ginge und wollten es wirklich wissen, es war nicht bloß so dahergesagt. Wie wir uns Zeit nahmen füreinander. Wie wir uns rasch auf Eins einigten: "Das Wichtigste ist das Leben! Genießen Sie diesen Tag. Noch sind wir da." Es ist nicht selbstverständlich. Noch hier zu sein. Das wissen wir. Denken an die, die trauern. Es tut uns leid. 

Das Gute ist: Wir reden miteinander. Sind uns vielleicht ein bisschen weniger fremd. Ein Naturereignis hat das bewirkt. Und da soll ich nicht staunen!

 

 

Herbstspaziergang

01.10.2017, 19:26 Uhr

Die eigene Stadt wie eine fremde entdecken. Das liebe ich. Einfach loslaufen, in eine Buslinie springen. Endstation. Ein Waldweg beginnt, direkt am Wasser. Und dann - wandern. Fuß vor Fuß. Staunen. Das Denken einstellen. Entdeckerfreude. Wie ein Kind. Jetzt müßten Enkel dabei sein! Bis dahin sind wir selber welche - oder teilen mit Kindern anderer Leute. Seitdem mir klar ist, dass wir alle zusammenhängen, miteinander verbunden sind, trenne ich das nicht mehr so strikt: Eure, meine. Ihr und ich. Ein rosa Eimerchen voller Kastanien. Unser Picknickrucksack mit belegten Broten, Äpfeln, Joghurt und Tee. Am Ufer sitzen, es ist noch nicht zu kalt dafür, und - ja - die passende Kleidung haben wir auch. Ein knorriger Ast lädt uns ein zum Sitzen. Er bietet Garderobenhaken für den Schirm; eine Fußstütze für die Trekkingschuhe, ein Guckloch für den Blick auf den See. Letzte Motorboote. Einsame Segler. Ein Ausflugsdampfer kurvt verloren vor sich hin. Sind denn überhaupt noch Passagiere darauf? Oder schmaucht der Käpt´n sein Pfeifchen und dreht die Runde just for his own fun? Noch dreißig Minuten bis Feierabend. Nein, nicht bis Buffalo wie in dem berühmten Gedicht von Theodor Fontane. Keine Gefahr, heute und hier. John Maynard 2017.

Und da kommt tatsächlich noch eine Fähre angesummt; ein Solar-Katamaran. Keine Fata Morgana, weil ich gerade an den Erie-See dachte! Nein, sie legt an, trägt uns mitten in der Natur mitten in Berlin für das Vorzeigen unserer Umweltkarte auf die andere Seite. Ein kleiner Junge steht an Deck und nickt würdevoll, als wir ihm das Ticket vorzeigen. Gut möglich, dass die Fährfrau seine Mutter ist. Durch verwunschene Buchten, an einer Insel vorüber, bringt sie uns auf die andere Seite. Ich höre eine Mitfahrende erzählen, dass auf dieser Insel einst die Stasi ihr Unwesen getrieben haben soll, und dass man das Eiland heute noch nicht käuflich erwerben kann. Wer weiß, was die dort gemacht haben. Bevor ich es erfahren kann, betreten wir Rahnsdorfer Festland.

Schon streben wir einer weiteren Endhaltestelle entgegen. Straßenbahn. Ach, Straßenbahnfahren! Ein Stück Himmel auf Erden für mich. Auf dem Weg dort hin passieren wir einen Gartenzaun. "Frische Eier", steht auf einem Schild, das daran angbracht ist. "Honig" auch. Und, damit auch wirklich keiner vorüberstreift, ohne sich etwas genommen und seinen Obolus dafür in die Kasse des Vertrauen gelegt zu haben, folgt noch der Hinweis: "Wirklich frische, glücklich machende Produkte von einem frei laufenden Bauern."

Da muss ich lachen. "Soll ich das auch über mich sagen?", frage ich den Gefährten. "Wirklich frische (im Sinne von eigenwillige), selbst verzapfte und glücklich machende Bücher von einer frei laufenden Autorin?!"

Ob sie Sie glücklich machen, liegt nicht in meiner Hand. Aber alles andere ist nichts als die Wahrheit, besonders das "frei" und das "laufend". Fortsetzung folgt. Und einen schönen Feiertag allerseits.

 

 

Seltsames Gedicht

07.09.2017, 13:20 Uhr

 

Die Art, wie mein Liebster „Blümchen“ sagt, hat mich becirct.

Und draußen ist es über Nacht Herbst geworden ...

aber nicht in mir.

Nasse Wäsche hänge ich auf in meinem Schlafgemach –

als Medizin.

Meine Nase weint.

Sie übernimmt die Tränen,

die aus meinem trockenen Auge nicht fließen wollen.

Randvoll ist mein Herz.

Randvoll mit ALLEM:

Tränen, Liebe; einem großen verzehrenden Nicht-Weiter-Wissen-Und-Doch-Hierbleiben.

Voll mit all diesem und noch mehr ist mein Herz.

Und mit der Art, wie mein Liebster „Blümchen“ sagt.