Ich muss nicht mehr alles glauben, was ich denke. Endlich.

Neuigkeiten


aus meinem Tagebuch

05.08.2017, 12:53 Uhr

Die interessanteste Mode gibt es nach wie vor bei Humana am Frankfurter Tor in Berlin-Friedrichshain. Tagtäglich tobt dort eine wahre Klamottenschlacht um nun erschwingliche Stöffchen großer und teurer Designer; es ist nicht das erste Mal, dass ich das hier erwähne. Nun veranstalten sie auch noch Kunst, Kultur und Parties dort. Musik wird gespielt, Vintage vorgeführt, getanzt, gelacht, gesungen, geflirtet. Eine Parallelwelt ensteht; aus den Bedürfnissen jener Menschen geboren, die schon längst nicht mehr mithalten und sich weiß Gott nicht alles leisten können, vielleicht auch gar nicht wollen.

Gestern war ich wieder mal da. Und dann geriet ich - einmal über die Straße - in ein gigantisches Internationales Bierfestival. Ich hatte gar nicht gewusst, dass so etwas existiert, und eigentlich ist dies ja auch kein Ort für mich, deren Lebensfässchen schon vor knapp dreiundzwanzig Jahren - und zwar von mir - ausgetrunken wurde. Tja. Und dann trieb mich die Neugier doch durch diese vielen Buden und Stände - und mein Mittagshunger. Alles war noch ganz frisch, von den Sitzgarnituren strömte der Geruch nach Holz und sonst gar nichts. Die Toilettenhäuschen waren wie neu aus der Plastikpresse gehoben, die Männergruppen mit identischen T-Shirts trafen gerade erst ein. Auf jedes Hemd war der Name des jeweiligen Hopfenjüngers gedruckt, wahrscheinlich, damit sie einander später auch wieder finden. Ich wollte nur essen - und fand einen Stand mit Knedliki, Sauerkraut und Prager Schinken; die Damen, die mir mein Mahl kredenzten, taten es freundlich und mit dem altbekannten tschechoslowakischen Akzent. 

Damals war das ein echtes "arme-Leute-Gericht" in den gastlichen Stätten von Brno bis Bratislava. Nun berappte ich sieben Euro und fünfzig Cent, aber die Köchinnen können ja nichts dafür. Und sie sahen so aus, als seien sie früh aufgestanden, also zahlte ich die Summe gern. Es schmeckte köstlich wie früher, im Urlaub mit Zelt und wenig Komfort.

An einem der kleinen Pavillons wird original DDR-Softeis angeboten, aus den originalen DDR-Maschinen, die diese Süßigkeit auch schon früher hergestellt haben. Die beiden Verkäuferinnen trugen von Kopf bis Fuß Pionieruniformen, vom blauen Käppi über die weiße Bluse mit Halstuch bis hin zu den dazu passenden Röckchen. (Solche outfits findet man übrigens zuweilen auch noch in den Modehäusern der "zweiten Hand", ich habe es mit eigenen Augen gesehen.) Ein Teil von mir erschrak ein wenig. Ob sie sich das gut überlegt haben, diese Händlerinnen? Wo Alkohol fließt und das Volk sich mischt, können Provokationen gemein sein.  

Zurück zur S-Bahn lief ich durch die Rigaer Straße, in der zum Kampf aufgerufen wurde. Was soll das bloß für ein Wochenende werden, dachte ich. Revolution, Bierfestival, Ostalgie, Second-Hand-Getümmel. Eine explosive Mischung, oder nicht? Und was mache ich? Ich feiere voll Wonne meinen Hochzeitstag, den zwölften. Nach meiner so ziemlich abgeschlossenen Erfahrung mit friedlicher Revolution und meinen Leben aus erster Hand bei offenem Visier. Ist doch verrückt! Je länger ich lebe, umso klarer wird mir, dass alle Welten sich gegenseitig durchdringen. Ich sehe nur seltsame Widersprüche und überraschende Harmonien, wo ich sie nicht vermutet hätte. 

Das treibt mich an. Das läßt mich bleiben und mich jeden Morgen neu zu meinem Dienst an der Literatur melden. Möge das Wochenende im Friedrichshain glimpflich bleiben. Möge unsere Liebe blühen. 

 

 

Achtung, Psychologiestudent/innen und -interessierte!!!

11.07.2017, 16:19 Uhr

Wie ich gerade an meinen aktuellen Verkaufszahlen sehe, erlebt mein Buch "Mit einem Bein auf der Couch. Therapeutengeschichten" eine Art Renaissance. Viele von euch haben es gekauft, ich danke auch herzlich. Das Werk ist ja schon aus dem Jahr 2007, aber sicherlich (denke ich) und offenbar (eure Einkäufe) immer noch so spannend und aktuell wie "damals". In dieser Sammlung wahrer, anonymisierter Geschichten hatte ich ja Psychotherapeuten, Psychologen, Analytikerinnen auf meine Couch gebeten, und sie haben mir recht offen von sich erzählt; davon, wie es ihnen eigentlich geht in ihrem Beruf, beim tagtäglichen geduldigen Zuhören und Anderen Helfen; wieso sie überhaupt ursprünglich gerade zu diesem Broterwerb (oder ist es sogar mehr? Eine Berufung gar?) gekommen sind.

Ich hatte tolle Lesungen mit diesem Buch, und ich freue mich sehr darüber, dass es seine Leser findet. Sollte irgend eine Universität eine größere Bestellung aufgeben wollen, ich habe tatsächlich auch noch Exemplare bei mir auf Lager, und über einen fairen Rabatt könnten wir reden. Die Regalbretter füllen sich ja auch längst mit Nachfolgewerken. 

PS: Auf Seite 239 hat sich übrigens ein kleiner, aber für die Information wesentlicher Fehler eingeschlichen: Im zweiten Absatz von oben fehlt die Prozentzahl der Scheidungskinder mit Schuldgefühlen in den Siebzigerjahren: Das waren 80%. (Heute fühlt sich nur noch eines von zehn Kindern diffus schuldig wegen solcher Dinge, ein Erfolg der Therapie.) Normalerweise korrigiere ich das beim Signieren per Hand, aber das kann ich ja nun nicht, wenn ihr ohne mich und mein Zutun Bücher von mir selber kauft. Tja.

Also, weiter so. Für euch, für Sie, für mich. Ja, was denn auch sonst!

 

 

aus meinem Tagebuch

25.06.2017, 10:28 Uhr

Es ist ja kein Naturgesetz oder kein Gottesurteil, dass die Wohnungsmieten stetig steigen und alles immer teurer werden muß. Diese Dinge werden allein von Menschen gemacht.

Ich sage das nicht, weil ich mich politisch profilieren will - für mich ist ein Künstler etwas anderes als ein Politiker. Ich erwähne es nur, weil Menschen mich ansprechen, ganz einfache Menschen, die vier Kinder groß gezogen haben, ein unspektakulär fleißiges Arbeitsleben absolvieren; die als Krankenschwester vielleicht gerade mit dem Gedanken gespielt hatten, ihren Knochenjob ein wenig zu reduzieren, um selber halbwegs gesund zu bleiben - und dann trifft sie dieser Brief mit der neuen, erhöhten Summe, die sie für ihr bescheidenes Zuhause zu berappen haben.

Solche Leute treffe ich bei meinen täglichen Spaziergängen, und sie fragen mich, ob ich das eigentlich alles noch normal finden. Ob ich Initiativen kenne, denen man sich anschließen könne; Menschen, die aktiv gegensteuern, ohne viel Getöse; die aufrichtig etwas ändern wollen. Ich kann da leider auch nicht helfen. Ich höre zu und zucke mit den Schultern. Nein, es ist kein Naturgesetz. Und es steht, soweit ich weiß, auch in keiner heiligen Schrift, dass diese Schrauben immer höher gedreht werden müssen. Ich sage diesen Menschen nicht, wie hoch ich meine Lesungshonorare ansetzen müsste, mittlerweile, um halbwegs auf ein Monatseinkommen zu krabbeln. Bei Ansagen über die deutsche Armutsgrenze für einen Erwachsenen im Fernsehen höre ich weg. Viele Kreative werden mir da zustimmen. Und Selbstmitleid erlaube ich mir nicht. Wo käme ich denn da auch hin!

Es muß weitergehen. Vielleicht, dass es mich tröstet, dass ich schon ein Weilchen auf der Erde lebe und eine fest geglaubte Ordnung auch schon habe untergehen sehen über Nacht. Dass man so etwas überstehen kann, das hat mich stark gemacht für den Rest meines Daseins, glaube ich. Ob es den Jüngeren nützt, wenn ich so etwas sage? Eher nicht, vermute ich.

Ich bleibe trotzdem hier. Erwarte meine nächste Aufgabe. Zum Nutzen aller, hoffentlich.